Ein Jugendlicher geht seit längerer Zeit nicht mehr zur Schule. Schritte zurück in den schulischen Alltag kommen kaum zustande. Auch vereinbarte Kliniktermine scheitern teilweise. Bei einem Versuch reagiert er mit panikartiger Anspannung und starken Bauchschmerzen.
Wer diese Situation von außen betrachtet, könnte schnell zu dem Schluss kommen: Er verweigert sich. Er will keine Hilfe. Die Eltern müssen konsequenter werden.
Bei einem Hausbesuch erlebe ich denselben Jugendlichen anders. In seiner vertrauten Umgebung wirkt er durchaus ausgeglichen. Er ist ansprechbar, nicht grundsätzlich unerreichbar und auch nicht durchgehend verzweifelt.
Ich war mir zu diesem Zeitpunkt selbst nicht sicher, was daraus folgen sollte.
Müssen wir stärker daran arbeiten, dass er wieder Anforderungen bewältigt? Oder müssen wir zunächst genauer betrachten, unter welchen Bedingungen diese Anforderungen überhaupt an ihn herangetragen werden?
Sein Rückzug schien ihm zumindest teilweise Schutz zu bieten. Gleichzeitig war offensichtlich, dass sein Leben dadurch immer enger wurde. Genau diese Spannung halte ich bei Rückzug für entscheidend.
Das Beispiel ist anonymisiert und in einzelnen Details verändert.
Rückzug kann schützen – und trotzdem zum Problem werden
Jugendliche ziehen sich zurück. Sie brauchen Privatsphäre, grenzen sich stärker von ihren Eltern ab und verbringen möglicherweise deutlich mehr Zeit allein. Eine geschlossene Zimmertür ist deshalb noch kein Warnsignal.
Mich interessiert weniger, wie viele Stunden ein Jugendlicher allein verbringt. Entscheidend ist: Hilft ihm der Rückzug dabei, wieder Kraft zu gewinnen – oder wird sein Leben dadurch zunehmend kleiner?
Bei dem Jugendlichen aus meinem Beispiel schien das vertraute Umfeld Belastung zu reduzieren. Sobald jedoch ein Termin außerhalb konkret wurde, entstand eine deutlich stärkere Anspannung.
Warum das so war, ließ sich daraus nicht sicher ableiten. Angst wäre eine mögliche Erklärung gewesen. Ebenso Scham, die Erwartung erneuten Scheiterns oder das Gefühl, Kontrolle zu verlieren. Das waren Arbeitshypothesen. Keine Diagnosen.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit zur Schulvermeidung beschreibt ebenfalls sehr unterschiedliche psychische, soziale und entwicklungsbezogene Faktoren. Angststörungen, depressive Belastungen und körperliche Beschwerden können eine Rolle spielen; eine einzige Erklärung für Schulvermeidung gibt es nicht. Entsprechend müssen Hilfen an die konkrete Situation angepasst werden.
Der wichtige Punkt ist für mich: Die nachvollziehbare Funktion eines Rückzugs macht ihn nicht automatisch unproblematisch. Er kann kurzfristig entlasten und langfristig gleichzeitig dafür sorgen, dass Schule, Freundschaften und andere Erfahrungen immer schwieriger erreichbar werden.
Wenn jeder Kontakt zum Problemgespräch wird
Für Eltern ist dieser Zustand schwer auszuhalten. Sie sehen, dass Schule ausfällt, Termine nicht stattfinden oder Kontakte weniger werden. Gleichzeitig erfahren sie immer weniger darüber, was in ihrem Kind vorgeht.
Hinter einem genervten „Warum stehst du nicht endlich auf?” kann die Sorge stehen: „Wie soll dein Leben weitergehen?” Und hinter ständigem Nachfragen möglicherweise die Angst: „Wenn ich jetzt nicht dranbleibe, verliere ich dich irgendwann ganz.”
Das erklärt den Druck. Hilfreicher wird er dadurch nicht automatisch.
Manche Eltern kontrollieren zunehmend. Andere werden vorsichtiger, vermeiden schwierige Themen und übernehmen immer mehr. Viele wechseln zwischen beidem: lange schonen, irgendwann die Geduld verlieren, anschließend ein schlechtes Gewissen haben und wieder nachgeben. Das ist nicht unbedingt Inkonsequenz. Häufig fehlt irgendwann schlicht eine tragfähige Orientierung.
Besonders schwierig wird es, wenn nahezu jede Begegnung einen Veränderungsauftrag enthält. Beim Frühstück geht es um Schule. Später um den nächsten Termin. Beim Abendessen um den Schlafrhythmus. Abends um das Handy.
Nicht jeder Kontakt darf zur Problembearbeitung werden.
Ein Spaziergang darf ein Spaziergang bleiben. Eine gemeinsame Autofahrt muss nicht nach fünf Minuten zum Gespräch über Schule werden. Ein Jugendlicher sollte erleben können: Ich darf mich zeigen, ohne jedes Mal erklären zu müssen, warum mein Leben gerade nicht funktioniert.
Das bedeutet nicht, notwendige Themen zu vermeiden. Sie brauchen nur einen eigenen Platz. Zum Beispiel:
„Ich mache mir Sorgen, weil du schon länger nicht zur Schule gehst. Darüber müssen wir sprechen und Unterstützung suchen. Aber nicht jedes Gespräch zwischen uns soll sich nur noch darum drehen.”
Raum geben bedeutet nicht wegsehen
Eltern müssen nicht jede geschlossene Tür öffnen. Sie sollten aber beobachten, ob zunehmend Lebensbereiche verloren gehen. Nicht allein die Dauer des Rückzugs entscheidet. Wichtig ist die Veränderung gegenüber früher.
Hat der Jugendliche weiterhin Menschen, mit denen er freiwillig Kontakt hält? Gibt es Dinge, die ihm Freude machen? Verlässt er sein Zimmer, wenn ihm etwas wichtig ist? Gelingt sein Alltag grundsätzlich noch?
Auch Onlinefreundschaften können echte soziale Beziehungen sein. Weniger Kontakt zu den Eltern bedeutet nicht automatisch Isolation.
Aufmerksam werde ich, wenn mehrere Bereiche gleichzeitig wegbrechen: Schule findet über längere Zeit kaum noch statt, Freundschaften oder Interessen verschwinden, der Schlafrhythmus verhindert zunehmend einen normalen Tagesablauf oder Essen, Körperpflege und andere grundlegende Bedürfnisse werden deutlich vernachlässigt.
Auch ausgeprägte Angst oder körperliche Beschwerden, die wiederholt alltägliche Schritte verhindern, gehören ernst genommen.
Das National Institute of Mental Health nennt bei Jugendlichen unter anderem anhaltenden Interessenverlust, deutliche Schlafveränderungen, zunehmende soziale Isolation und Einschränkungen in Schule, Familie oder Freundschaften als Gründe, eine fachliche Einschätzung einzuholen.
Solche Beobachtungen sind noch keine Diagnose. Sie sind ein Grund, nicht einfach unbegrenzt weiter abzuwarten.
Körperliche Beschwerden sollten dabei auch körperlich ernst genommen werden. Bauchschmerzen sind nicht weniger real, nur weil sie vor einem belastenden Termin auftreten.
Erreichbar bleiben, ohne hinterherzulaufen
Beziehung muss in dieser Situation vor allem verlässlich sein. Ein Jugendlicher muss nicht ständig reden oder Nähe zulassen. Er sollte aber wissen: Meine Eltern sind ansprechbar. Sie verschwinden nicht, nur weil ich wenig zurückgeben kann.

Kontaktangebote können klein sein: „Ich gehe mit dem Hund raus. Wenn du willst, komm mit.” „Ich koche gleich. Möchtest du etwas Bestimmtes?” Wenn das Angebot abgelehnt wird, muss daraus nicht sofort die nächste Diskussion entstehen.
Gleichzeitig bleiben Eltern verantwortlich für Sicherheit, Versorgung und notwendige Unterstützung. Auf ein „Lass mich in Ruhe” könnte deshalb beispielsweise folgen:
„Okay. Ich lasse dich jetzt in Ruhe. Wegen des Termins müssen wir trotzdem noch etwas klären. Ich komme heute Abend noch einmal darauf zurück.”
Damit wird eine Grenze respektiert, ohne die Verantwortung abzugeben.
Statt Schule, Schlaf, Handy, Freundschaften und Zukunft gleichzeitig lösen zu wollen, braucht es häufig einen machbaren nächsten Schritt. Und wenn dieser nicht gelingt, sollte nicht sofort dieselbe Aufforderung lauter wiederholt werden. Dann interessiert mich: Was genau war daran zu schwierig?
Auch Hilfe muss erreichbar sein
Ein organisierter Hilfstermin ist noch keine wirksame Hilfe.
Manchmal verlangen wir bereits am Eingang eines Angebots Fähigkeiten, bei deren Entwicklung wir eigentlich unterstützen wollen: das Haus verlassen, fremden Menschen vertrauen, Unsicherheit aushalten, über persönliche Schwierigkeiten sprechen und zuverlässig Termine wahrnehmen. Wenn das nicht gelingt, greift „fehlende Mitwirkung” als Erklärung zu kurz.
Bei dem Jugendlichen aus meinem Beispiel wurde genau diese Hürde sichtbar. Die Klinik war organisiert. Die Termine waren vereinbart. Der Zugang funktionierte trotzdem nicht.
Das bedeutete weder, dass die Klinik falsch war, noch dass der Jugendliche keine Unterstützung brauchte. Es bedeutete zunächst: Zwischen Hilfebedarf und Hilfeangebot lag eine Hürde, die wir verstehen mussten.
Vielleicht braucht es einen kleineren ersten Kontakt. Eine feste Ansprechperson. Mehr Transparenz darüber, was bei einem Termin passiert. Oder, wenn eine Stelle dies anbieten kann, zunächst einen aufsuchenden oder digitalen Kontakt.
Nicht jede Anforderung kann zurückgenommen werden. Beziehungsaufbau darf auch nicht zur unbegrenzten Wartezeit werden. Aber ein Hilfesystem muss bereit sein, seine eigenen Zugangsbedingungen genauso kritisch zu prüfen wie die Mitwirkung eines Jugendlichen.
Wenn ein Jugendlicher Hilfe braucht, aber unser Angebot nicht bewältigen kann, ist das nicht das Ende unseres Auftrags. Es ist ein Teil davon.
Eltern müssen den Rückzug ihres Kindes weder vollständig verhindern noch allein dafür sorgen, dass es wieder zurechtkommt. Sie können aber erreichbar bleiben, Veränderungen ernst nehmen und Unterstützung organisieren, wenn der Handlungsspielraum ihres Kindes zunehmend kleiner wird.
Denn ein Jugendlicher darf sich zurückziehen. Entscheidend ist, dass er mit dem, was dahintersteckt, nicht allein bleibt.
Wenn das bei euch zu Hause gerade Thema ist, schauen wir es uns an.
Eltern- & Familienberatung ansehen →
Über den Autor
Matteo Lencioni
Systemischer und psychologischer Berater in Dachau. Ausgebildet über die DGGP (Deutsche Gesellschaft für Gestaltpädagogik) und zertifiziert über den BTB. Arbeitet seit Jahren mit Familien, Paaren und Jugendlichen, auch im Auftrag von Jugendämtern, und hat über diese Praxis das Buch „Kinder sehen, die sonst niemand sieht“ geschrieben.
