PaareSeptember 20265 Min. Lesezeit

„Du machst das mit Absicht” – Wenn unsere Erklärung zum eigentlichen Problem wird

Wenn aus einer Beobachtung eine feste Erklärung wird, kann diese Erklärung selbst zum Konflikt werden. Wie aus einer Vermutung ein Etikett wird – und wie du deine Deutung wieder öffnest.

Ein Paar sitzt sich in einem Café gegenüber, die Frau schaut auf ihr HandyKI-generiert

Manche Konflikte entstehen nicht nur durch das, was passiert, sondern durch die Bedeutung, die wir dem Geschehen geben.

Eine Situation, wie sie mir in ähnlicher Form häufiger begegnet – kein einzelner Fall, sondern eine typische Konstellation aus der Paarberatung: Zwei Partner sitzen abends am Tisch. Er schaut mehrmals aufs Handy, während sie von ihrem Tag erzählt. In dem Moment sagt sie nichts. Aber am nächsten Tag registriert sie jede kurze Antwort und jede vergessene Nachfrage genauer als sonst. Nach ein paar Wochen fällt der Satz: „Dir ist doch sowieso nichts an mir wichtig.” Er reagiert gereizt und zieht sich zurück. Für sie ist das die Bestätigung.

Vielleicht stimmt ihre Einschätzung. Vielleicht auch nur teilweise. Entscheidend ist: Sie ist zunächst eine Erklärung – keine beobachtbare Tatsache. Und genau dieser Unterschied verändert häufig mehr, als uns bewusst ist.

Beobachtung und Interpretation

Beobachtbar ist zunächst nur: „Er hat während des Gesprächs mehrmals auf sein Handy geschaut.” Etwas anderes ist: „Er interessiert sich nicht für das, was ich sage.” Jetzt wurde dem Verhalten bereits eine Bedeutung gegeben. Noch einen Schritt weiter wäre: „Er ist egoistisch.” Aus einer Situation ist eine Aussage über den Menschen geworden.

Genau an dieser Stelle wird konstruktivistisches Denken praktisch: Nicht alles, was ich über eine Situation denke, ist identisch mit dem, was tatsächlich beobachtbar passiert ist.

Und diese Deutung fällt nicht vom Himmel. Sie entsteht aus dem, was jemand bereits erlebt hat. Wer in früheren Beziehungen häufig übersehen wurde, liest Schweigen schneller als Desinteresse. Wer gelernt hat, dass Nähe unzuverlässig ist, registriert Distanz schneller als Warnsignal. Die eigene Geschichte liefert die Bausteine für eine Interpretation – meist, ohne dass das in dem Moment bewusst ist. Deshalb ist eine Deutung selten wirklich objektiv. Sie trägt immer etwas von der eigenen Erfahrung in sich, auch wenn sie sich wie eine schlichte Feststellung anfühlt.

Ein Küchentisch mit einer Tasse und einem leeren StuhlKI-generiert

Auch bei dem Paar von oben war objektiv beobachtbar nur: Blicke aufs Handy, kurze Antworten, eine vergessene Nachfrage. Der Satz „Dir ist doch sowieso nichts an mir wichtig” war bereits eine Deutung – eine von mehreren möglichen, und vermutlich eine, die auch mit früheren Erfahrungen zu tun hatte, in denen sie genau dieses Gefühl schon einmal kannte.

Wenn eine Erklärung alles bestätigt

Sobald diese Deutung einmal feststeht, wird man wahrscheinlich besonders sensibel für Situationen, die zu ihr passen: ein kurzer Blick aufs Handy, eine vergessene Verabredung, eine knappe Antwort. Jede einzelne Situation bekommt plötzlich mehr Gewicht. „Siehst du. Genau das meine ich.”

Psychologisch ist dieser Mechanismus gut beschrieben. Beim sogenannten Bestätigungsfehler neigen Menschen dazu, Informationen eher so wahrzunehmen, zu suchen oder zu bewerten, dass sie bereits vorhandene Überzeugungen stützen. Das macht die Wahrnehmung nicht grundsätzlich falsch – es erklärt aber, warum widersprechende Informationen irgendwann weniger Gewicht bekommen.

Bei dem Paar von oben nahm genau das seinen Lauf: Aufmerksame Momente gerieten in den Hintergrund, jede Ablenkung bestätigte die bestehende Annahme. Wenn eine Erklärung erst einmal feststeht, passt irgendwann fast alles in dieselbe Richtung – und aus einer Hypothese wird ein Etikett.

Die Rückkopplung, die den Streit am Leben hält

Damit wird aus „man sollte nicht vorschnell urteilen” etwas Interessanteres: Die eigene Deutung kann selbst Teil des Konfliktsystems werden.

Wer überzeugt ist, absichtlich ignoriert zu werden, reagiert anders, als jemand, der denkt: „Ich weiß gerade nicht, warum er sich zurückzieht.” Vielleicht wird man schärfer, kühler, kontrollierender. Vielleicht entstehen Fragen, die eigentlich schon Vorwürfe enthalten. Das Gegenüber fühlt sich angegriffen und zieht sich weiter zurück – und genau dieser Rückzug wirkt anschließend wieder wie ein Beweis.

Zwei Kreispfeile, die einen geschlossenen Kreislauf bildenKI-generiert

Bei dem Paar von oben lief es so: Ihre Erklärung beeinflusste ihre Reaktion, sie wurde vorwurfsvoller. Seine Reaktion darauf war Rückzug. Und sein Rückzug bestätigte ihr anschließend, dass ihre ursprüngliche Erklärung stimmte. Irgendwann stritten die beiden nicht mehr über das, was tatsächlich passiert war. Sie reagierten auf die Bilder, die sie inzwischen voneinander entwickelt hatten.

Das bedeutet nicht, alles positiv umzudeuten oder respektloses Verhalten schönzureden. Gemeint ist etwas Kleineres: die erste Erklärung nicht automatisch zur einzigen zu machen.

Grenzen des Verstehens

Hier entsteht schnell ein Missverständnis. Wenn ich verstehen möchte, warum jemand sich auf eine bestimmte Weise verhält, heißt das nicht, dass dieses Verhalten deshalb in Ordnung ist. Wenn jemand dich beleidigt, bleibt die Beleidigung eine Beleidigung. Wenn deine Grenzen dauerhaft ignoriert werden, musst du nicht so lange nach Erklärungen suchen, bis du das Verhalten akzeptieren kannst. Und wenn jemand dich kontrolliert, einschüchtert oder Gewalt ausübt, hilft keine Perspektive der Welt, das verständnisvoller zu ertragen.

Du kannst gleichzeitig sagen: „Ich verstehe inzwischen besser, warum du so reagierst” und: „Trotzdem akzeptiere ich dieses Verhalten nicht.” Das widerspricht sich nicht. Manchmal führt eine klarere Einordnung sogar zu einer klareren Grenze.

Bevor du dir zu sicher bist

Je länger ein Konflikt besteht, desto schneller werden aus einzelnen Situationen Aussagen über den ganzen Menschen. Aus „Du hast dich heute nicht gemeldet” wird „Du bist unzuverlässig”. Manchmal trifft ein solcher Begriff tatsächlich etwas Wichtiges. Problematisch wird er dort, wo jede neue Beobachtung nur noch passend gemacht wird: Ist die Person freundlich, heißt es „Jetzt will sie bestimmt etwas”. Ist sie distanziert, heißt es „Typisch”. Eine Erklärung, die durch nichts mehr widerlegt werden kann, erklärt irgendwann kaum noch etwas. Sie schützt nur noch das Bild, das bereits entstanden ist.

Dafür braucht es keine psychologische Theorie, nur eine Gewohnheit: Was habe ich tatsächlich beobachtet – und was habe ich bereits daraus gemacht? Welche andere Erklärung wäre ebenfalls möglich? Und was verändert meine Interpretation an meinem eigenen Verhalten?

Gerade die letzte Frage halte ich für entscheidend. Denn selbst wenn die eigene Einschätzung teilweise stimmt, kann die eigene Reaktion trotzdem dazu beitragen, dass sich ein bestehendes Muster weiter verstärkt. Die Frage bleibt: Was passiert zwischen zwei Menschen, wenn einer auf dieselbe Erfahrung immer wieder auf dieselbe Weise reagiert?

Manchmal gibt es darauf keine endgültige Antwort. Schwierig wird es, wenn alles, was der andere tut, am Ende beweist, dass man ohnehin recht hatte – dann lohnt sich ein zweiter Blick. Nicht, weil die ganze Wahrnehmung falsch wäre. Vielleicht ist sie einfach zu eng geworden.

Manchmal verändert sich ein Konflikt nicht dadurch, dass wir endlich verstehen, warum der andere so ist – sondern dadurch, dass wir aufhören, unsere Erklärung für die einzige Wahrheit zu halten.

Fachliche Einordnung

Nickerson, R. S. (1998). Confirmation Bias: A Ubiquitous Phenomenon in Many Guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220. DOI: 10.1037/1089-2680.2.2.175

Wenn ihr an diesem Punkt steht, schauen wir gemeinsam darauf.

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Matteo Lencioni

Über den Autor

Matteo Lencioni

Systemischer und psychologischer Berater in Dachau. Ausgebildet über die DGGP (Deutsche Gesellschaft für Gestaltpädagogik) und zertifiziert über den BTB. Arbeitet seit Jahren mit Familien, Paaren und Jugendlichen, auch im Auftrag von Jugendämtern, und hat über diese Praxis das Buch „Kinder sehen, die sonst niemand sieht“ geschrieben.

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