Systemische Beratung bleibt selten nur bei dem Problem, mit dem jemand ursprünglich kommt.
Systemische Beratung ist eine Beratungsform, die ein Anliegen nicht isoliert betrachtet, sondern gemeinsam mit den Beziehungen, Rollen und Wechselwirkungen, in denen es entsteht. Statt zu fragen, wer sich ändern soll, fragt sie, was ein Problem im Zusammenspiel der Beteiligten aufrechterhält.
Wie das aussieht, zeigt ein Fall aus meiner Praxis. Eine Klientin meldete sich bei mir, weil ihr Sohn nicht mehr regelmäßig zur Schule ging. Sie suchte Unterstützung im Umgang mit Schule, Behörden und den vielen Entscheidungen, die inzwischen bei ihr zusammenliefen.
Im Laufe der Beratung veränderte sich nicht nur der Inhalt unserer Gespräche. Neben der Situation ihres Sohnes ging es zunehmend um ihre Beziehung zu ihrem Mann, ihre Rolle als Mutter und darum, wie sie selbst, häufig ohne es zu wollen, Teil bestimmter Dynamiken wurde und wo ihr eigener Einfluss lag. Das ursprüngliche Problem war dadurch nicht plötzlich unwichtig. Es wurde nur verständlicher, weil wir nicht mehr ausschließlich auf den Schulbesuch ihres Sohnes geschaut haben.
Das Beispiel stammt aus meiner Beratungspraxis. Persönliche Merkmale und einzelne Umstände wurden zum Schutz der Klientin verändert.
Systemische Beratung: Was bedeutet „systemisch”?
Systemisch zu arbeiten bedeutet für mich zunächst, einen Menschen nicht isoliert von seinem Leben zu betrachten. Wenn jemand mit einem Problem zu mir kommt, interessiert mich nicht nur, was diese Person anders machen könnte.
Ich frage: Wann tritt das Problem auf? Mit wem wird es stärker oder schwächer? Wie reagieren andere darauf? Was passiert anschließend? Welche Rollen, Erwartungen und bisherigen Erfahrungen spielen hinein?
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Ein typisches Beispiel, wie es mir häufiger begegnet: Eine Mutter berichtet, dass ihr Sohn bei den Hausaufgaben regelmäßig eskaliert. Eine mögliche Erklärung wäre: „Er akzeptiert keine Grenzen.” Vielleicht stimmt das teilweise. Interessanter wird es, wenn wir den Ablauf betrachten.
Der Junge beginnt langsam und macht Fehler. Die Mutter bekommt Sorge, dass er den Anschluss verliert, und greift stärker ein. Der Junge erlebt ihre Hilfe zunehmend als Kontrolle. Er verweigert sich. Die Mutter wird noch deutlicher. Schließlich eskaliert die Situation so sehr, dass die Hausaufgaben beendet werden.
Niemand hat das geplant. Trotzdem verstärken sich beide Reaktionen gegenseitig, ein Kreislauf, den ich auch in Gesprächen von Paaren immer wieder sehe.
Systemische Beratung schaut auf solche Wechselwirkungen. Für mich heißt das: Menschen bei eigenen Entscheidungen und Problemlösungen zu unterstützen und dabei ihre Beziehungen und Lebenszusammenhänge mitzudenken.
Das bedeutet übrigens nicht, dass immer die gesamte Familie mitkommen muss. Auch ein einzelner Mensch kann systemisch beraten werden. Mit Paaren und mit Eltern und Familien arbeite ich ebenso.
Wie läuft eine systemische Beratung ab?
Vor einer ersten Sitzung kann bei mir zunächst ein kurzes kostenfreies Erstgespräch stattfinden. Dabei klären wir grob das Anliegen und ob meine Arbeitsweise dazu passt. Als systemischer Berater biete ich meine Beratung in Dachau und online an.
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In der ersten regulären Sitzung interessiert mich vor allem: Warum sucht diese Person gerade jetzt Unterstützung? Viele Schwierigkeiten bestehen bereits länger. Meist gibt es trotzdem einen Punkt, an dem jemand merkt: So komme ich nicht mehr weiter.
Danach klären wir den Beratungsauftrag, denn das Problem ist noch nicht automatisch der Auftrag. Ein Klient könnte beispielsweise sagen: „Meine Frau soll wieder mehr Nähe zulassen.” Das ist ein verständlicher Wunsch. Ich kann aber keine abwesende Partnerin verändern.
Ein bearbeitbarer Auftrag könnte stattdessen lauten: „Ich möchte verstehen, was zwischen uns passiert und wie ich meine Bedürfnisse äußern kann, ohne den Druck weiter zu erhöhen.”
Deshalb frage ich: Was soll für Sie konkret anders werden? Woran würden Sie merken, dass unsere Gespräche hilfreich sind? Und was liegt tatsächlich in Ihrem Einflussbereich?
Ich strukturiere dabei den Prozess, aber nicht das Leben des Klienten. Ich frage nach, fasse zusammen, spreche Widersprüche an und benenne Muster. Gleichzeitig muss nicht jede Sitzung mit einer fertigen Lösung enden. Sie sollte aber zu mehr Klarheit führen.
Warum reicht ein Gespräch mit Freunden manchmal nicht?
Ein gutes Gespräch mit einem Freund kann sehr hilfreich sein. Systemische Beratung soll Freundschaften nicht ersetzen. Der Unterschied liegt vor allem in der Rolle.
Ein Freund hört vielleicht, dass jemand in seiner Beziehung unglücklich ist, und sagt: „Dann musst du dich eben trennen.” Oder: „Ihr müsst einfach mehr miteinander reden.” Das ist häufig gut gemeint. Trotzdem steckt darin bereits eine Lösung, die auch aus den Erfahrungen und Werten des Freundes entstanden ist.
Mich interessiert zunächst, warum eine scheinbar naheliegende Lösung bisher nicht funktioniert. Eine Klientin könnte zum Beispiel sagen: „Ich kann meinem Partner keine Grenzen setzen.” Vielleicht weiß sie längst, dass sie häufiger Nein sagen müsste. Dann fehlt ihr nicht der richtige Satz.
Interessanter ist, was passiert, wenn sie versucht, eine Grenze zu setzen. Hat sie Angst vor Ablehnung? Fühlt sie sich für die Gefühle des Partners verantwortlich? Welche Konsequenz erwartet sie?
Viele Menschen kommen nicht in Beratung, weil ihnen noch niemand gesagt hat, was sie tun sollen. Sie kommen, weil sie bereits vieles wissen und es trotzdem nicht umsetzen können.
Wenn ein Problem eine Funktion erfüllt
Ein Gedanke, der meine Arbeit prägt: Ein Problem kann eine Funktion haben. Das bedeutet nicht, dass ein Problem gut ist oder jemand sein Leiden heimlich behalten möchte. Ein Verhalten kann kurzfristig etwas leisten.
Schulverweigerung kann vor Angst oder erneutem Scheitern schützen. Rückzug kann einen Konflikt beenden. Kontrolle kann für einen Moment Sicherheit herstellen.
Wenn ich ausschließlich versuche, dieses Verhalten abzustellen, ohne zu verstehen, was es bisher geleistet hat, nehme ich möglicherweise eine Strategie weg, ohne eine bessere anzubieten.
Deshalb interessiert mich: Was wird durch dieses Verhalten verhindert, beendet oder hergestellt? Und anschließend: Wie könnte dasselbe Bedürfnis auf eine weniger problematische Weise erfüllt werden?
Verstehen bedeutet dabei nicht Akzeptieren. Ich kann verstehen, weshalb ein Mensch aggressiv reagiert, und Aggression trotzdem klar begrenzen.
Woran merkt man, dass Beratung etwas verändert?
Bei der Klientin vom Anfang zeigte sich die Veränderung nicht zuerst am Schulbesuch ihres Sohnes. Ihre Fragen wurden andere. Anfangs fragte sie häufig: „Was soll ich jetzt machen?” Später fragte sie: „Welcher Teil davon liegt tatsächlich bei mir?”
Sie begann, Verantwortung und Kontrolle voneinander zu unterscheiden. Sie blieb verantwortlich dafür, Grenzen zu halten, Unterstützung zu organisieren und als Mutter präsent zu sein. Sie konnte aber nicht jeden Entwicklungsschritt ihres Sohnes herstellen.
Auch gegenüber dem Helfersystem wurde sie klarer. Sie musste nicht automatisch jede Aufgabe übernehmen, die Schule, Jugendhilfe oder andere Stellen an sie herantrugen. Und nicht jeder Kontakt zu ihrem Sohn musste sich weiterhin um Schule und Veränderung drehen.
Mit der Zeit wurden unsere Gespräche weniger engmaschig. Nicht weil alle Probleme verschwunden waren, sondern weil sie wieder mehr eigene Orientierung hatte. Gleichzeitig gewannen andere Fachstellen dort an Bedeutung, wo eine weitergehende Behandlung notwendig war. Das gehört ebenfalls zu professioneller Beratung.
Meine systemische Beratung ersetzt keine Psychotherapie, und ich stelle keine klinischen Diagnosen. Systemische Therapie ist in Deutschland ein anerkanntes Psychotherapieverfahren. Für Erwachsene ist sie seit 2020 Bestandteil der gesetzlichen Versorgung, für Kinder und Jugendliche wurde sie später ebenfalls in die Psychotherapie-Richtlinie aufgenommen. Meine Beratung ist dagegen keine Kassenleistung, die Kosten stehen offen auf der Honorarseite.
Ein Beratungsprozess muss für mich deshalb auch nicht so lange laufen, bis jedes Problem verschwunden ist. Er kann enden, wenn ein Mensch wieder klarer entscheiden kann, der Auftrag erfüllt ist oder eine andere Fachstelle den zentralen Teil der Unterstützung übernehmen sollte.
Bei der Klientin vom Anfang blieb vieles schwierig. Verändert hatte sich die Frage, mit der sie in die Gespräche kam: „Welcher Teil davon liegt tatsächlich bei mir?”
Wenn dich das gerade betrifft, klären wir es im Gespräch.
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Über den Autor
Matteo Lencioni
Systemischer und psychologischer Berater in Dachau. Ausgebildet über die DGGP (Deutsche Gesellschaft für Gestaltpädagogik) und zertifiziert über den BTB. Arbeitet seit Jahren mit Familien, Paaren und Jugendlichen, auch im Auftrag von Jugendämtern, und hat über diese Praxis das Buch „Kinder sehen, die sonst niemand sieht“ geschrieben.
